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Ein Stück Rinde, eine Blume, einen Fels

Ein Stück Rinde, eine Blume, einen Fels kann ich ertasten, geistig begreifen. Der Wald ist mir etwas Greif- und Begreifbares. Zwar ändert er auch jedes Jahr sein Gesicht, ob unter den Händen des Forstmannes, durch Naturereignisse oder durch sein Wachstum, das langsam menschliche Generationen überdauert. Aus Kulturen werden Dickungen, Stangenhölzer, Baumhölzer, die nach ihrer Umtriebszeit wieder den Platz der Jugend räumen müssen. Das ist das ewige Werden und Vergehen. Die Berge sind mir greif- und begreifbar in ihrer Entstehung vor Urzeiten, mit dem Wissen, dass sie irgendwann durch Verwitterung und Erosionen verschwinden werden.

Aus: Gerhard Berger: Gedanken im Herbst: Ein Harzer Forstmann und Jäger erinnert sich. Schmidt-Verlag 2013


 
Ein heller Blitz zuckt in den Föhrenwald

Erste Tropfen fallen.
Die Blätter der Obstbäume biegen sich.
Torfstaub wirbelt im Moor auf.
Die Birken biegen sich.
Blitze durchzucken den Himmel, durchflammen ihn.
Schrille Knalle ängsten die Tiere.
Wehe euch Bienen, die ihr nicht rechtzeitig heimgekommen seid!
Einige, die im Moore geweidet hatten, trägt der Sturm gegen die Hütte, aber er jagt sie darüber hinaus, und sosehr sie sich auch plagen, sich aus seinen kräftigen Armen zu befreien, sich zum Korbe zu retten – es gelingt ihnen nicht. Er wirft sie auf die Erde, ins Gras, in den Saatacker, in die Gräben, in den Moorbach.
Ein heller Blitz zuckt in den Föhrenwald vor dem Dorfe. Ein Knall, vor dem die Erde zittert, Feuer loht zum Himmel.
Eine Föhre brennt, und die Flammen bedrohen ihre Nachbarinnen.
Aber knapp nach dem zündenden Blitze fällt schwerer Regen, und das Feuer verlischt.
O die armen Bienen, die das Heim nicht mehr erreicht hatten! Was wird mit ihnen geschehen?

Aus: Georg Rendl: Der Bienenroman. Leipzig: Insel-Verlag 1931


 
Crazy Ant Lady
Bilder vom Ameisenheger-Kurs: Ameisennester, Wald, BäumeAm Freitag habe ich das erste Modul der Ausbildung zur Waldameisenhegerin an der Forstlichen Ausbildungsstätte Pichl besucht 🙂 Ende April schließe ich den Lehrgang mit dem zweiten Modul ab und verfüge damit über den „Befähigungsnachweis zur Rettungsumsiedelung von Waldameisen“.

Worum geht es in dieser Ausbildung? „Waldameisenvölker sind ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems Wald und bilden ein sehr komplexes Gefüge. In der Steiermark stehen alle hügelbauenden Waldameisen unter Schutz, eine Zerstörung oder Beschädigung von Ameisenvölkern, z.B. im Zuge von Straßenbauten, ist verboten. Umsiedelungen werden daher immer wieder nötig. Die Ausbildung zum Ameisenheger befähigt zur legalen Durchführung dieser Umsiedelungsmaßnahmen“.

Die Entstehung des Kurses ist irgendwie typisch österreichisch: Der Initiator des Kurses stellte einmal den Antrag bei der steiermärkischen Landesregierung, im Zuge des Baus einer Forststraße einen Ameisenhaufen verlegen zu dürfen. Der Bescheid war aber negativ, weil er die nötigen Kenntnisse dafür nicht nachweisen konnte. Wie er diese Kenntnisse erfolgreich nachweisen sollte, stand aber nicht dabei – es gab ja keinerlei Ausbildung… Naja, und nun gibt es eine mit mittlerweile 71 Absolvent_innen!

Kursinhalte
  • Biologie, Ökologie und Bestimmung von Waldameisen
  • Kartierung und Schutz
  • rechtliche Grundlagen
  • praktische Anleitung in Form einer Rettungsumsiedelung in der Praxis
 
Knarren windgebeugter Äste. Die Geräusche des Waldes

Der Oberst blieb still sitzen und wartete auf den neuen Tag. Zum ersten Male in seinem Leben lernte er die Geräusche des Waldes kennen. Fünfzehn verschiedene Geräusche unterschied er in jener Nacht. Er zählte sie, eines nach dem anderen:

  1. Ab und zu unbestimmtes, dumpfes Grollen, das aus dem Innern der Erde zu kommen schien; es war, als kündigte sich ein Erdbeben an.
  2. Blätterrauschen.
  3. Knarren windgebeugter Äste.
  4. Rascheln trockenen Laubes am Boden.
  5. Geräusch fallender trockener Zweige, Blätter und Tannenzapfen.
  6. Ganz in der Ferne das Rauschen eines Baches oder Stromes.
  7. Geräusch wie von einem großen Vogel, der ab und zu mit lärmendem Flügelschlag auffliegt (vielleicht ein Auerhahn).
  8. Geräusche von Säugetieren (Eichhörnchen, Marder, Füchse oder Hasen), die durch den Wald ziehen.
  9. Klopfen von Insekten, die die Baumstämme anbohren oder auf ihnen entlanglaufen.
  10. In langen Zwischenräumen das Summen einer großen Mücke.
  11. Ein Rascheln, das wahrscheinlich von einer nächtlich herumkriechenden Schlange stammt.
  12. Der Ruf einer Eule.
  13. Das leise Lied der Grillen.
  14. In der Ferne Geheul und Klagen eines unbekannten Tieres, das wahrscheinlich von Eulen oder Wölfen angegriffen wird.
  15. Ganz und gar geheimnisvolle Quiek- und Kreischlaute.

Aber zwei- oder dreimal in jener Nacht wurde es auch ganz still; das feierliche Schweigen der uralten Wälder trat ein, eine Stille, sie sich mit keiner anderen auf der ganzen Welt vergleichen läßt und die nur sehr wenige Menschen je kennen gelernt haben.

buzzati-geheimnis-alten-waldes Quelle: Dino Buzzati: Das Geheimnis des alten Waldes. Roman. Berlin / Wien / Leipzig: Paul Zsolnay Verlag 1948, S. 106-107. Übersetzung aus dem Italienischen von Antonio Luigi Erné

Weitere Ausgaben (Auswahl):

  • Originalausgabe: Il segreto del bosco vecchio (Milano: Fratelli Treves 1935).
  • deutsche Ausgaben in der Übersetzung von Bettina Kienlechner: Thienemann 1986; Weitbrecht 1997; Fischer Taschenbuch 1989 / 1999
  • weitere italienische Ausgaben: Garzanti 1961 / 1970 / 1977 (in einem Band mit „Bàrnabo delle montagne“); Mondadori 1993 / 2002